30.09.2014 - 07:59
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Evolution des Menschen

Fossilienfunde aus Kenia bringen neue Erkenntnisse zur Entwicklung der Gattung Homo

Cover der Fachzeitschrift Nature
Das Cover der Fachzeitschrift Nature vom 9. August zeigt den neu entdeckten Unterkiefer KNM-ER 60000 zusammen mit dem SchÀdel des Fossils KNM-ER 1470; man nimmt an, dass beide zur selben Art gehören. © Nature, Foto: Fred Spoor

Aufregende neue Fossilien, die im Osten des Turkana-Sees in Kenia entdeckt wurden, bestĂ€tigen nun, dass dort vor zwei Millionen Jahren neben unserem direkten Vorfahren Homo erectus zwei weitere Arten der Gattung Homo lebten. Die Funde - ein GesichtsschĂ€del, ein bemerkenswert vollstĂ€ndiger Unterkiefer und der Teil eines zweiten Unterkiefers - werden in der renommierten Fachzeitschrift Nature am 9. August 2012 beschrieben. Ausgegraben wurden die Fossilien zwischen 2007 und 2009 im Rahmen des von Meave und Louise Leakey geleiteten Koobi Fora Forschungsprojekts (Koobi Fora Research Project, KFRP). Fred Spoor, KFRP-Mitglied und Wissenschaftler der Abteilung Humanevolution am Max-Planck-Institut fĂŒr evolutionĂ€re Anthropologie koordinierte die wissenschaftlichen Untersuchungen der Fossilien. Zahlreiche Analysen wurden in Leipzig durchgefĂŒhrt, darunter auch die virtuelle Rekonstruktion der neuen Funde mittels modernster Computertechnologie.

Vor vierzig Jahren entdeckte das KFRP das rĂ€tselhafte Fossil KNM-ER 1470 (kurz: "1470"). Dieser SchĂ€del, der sich durch ein großes Gehirn und ein langes flaches Gesicht auszeichnet, entzĂŒndete eine langjĂ€hrige Debatte darĂŒber, wie viele verschiedene Arten des frĂŒhen Homo es neben Homo erectus wĂ€hrend des PleistozĂ€ns außerdem noch gab. Die ungewöhnlichen morphologischen Eigenschaften des Fossils 1470 wurden von einigen Wissenschaftlern auf sexuelle Unterschiede und die natĂŒrliche Variation innerhalb ein und derselben Art zurĂŒckgefĂŒhrt. Andere Forscher hingegen sahen in diesem Fossil Hinweise auf eine andere Spezies.

Meave Leakey und Fred Spoor
Meave Leakey und Fred Spoor beim Sammeln von Fossilien in der NÀhe des Ortes, wo der neue GesichtsschÀdel KNM-ER 62000 gefunden wurde. © Foto: Mike Hettwer, www.hettwer.com, mit freundlicher Genehmigung von National Geographic

Dieses Jahrzehnte andauernde Dilemma blieb aus zwei GrĂŒnden bestehen: Zum einen waren Vergleiche mit anderen Fossilien nur bedingt möglich, da das Fossil 1470 keine ZĂ€hne und keinen Unterkiefer enthielt. Zum anderen fand man keine weiteren fossilen SchĂ€del mit Ă€hnlich flachen und langen Gesichtern wie beim Fossil 1470, sodass angezweifelt wurde, wie reprĂ€sentativ diese Eigenschaften tatsĂ€chlich sind. Die neu entdeckten Fossilien helfen nun bei der Auflösung dieses Dilemmas.

"In den vergangenen 40 Jahren haben wir in den gewaltigen SedimentflĂ€chen rund um den Turkana-See angestrengt nach Fossilien gesucht, die die einzigartigen Merkmale des Gesichts von Fossil 1470 teilen und uns zeigen, wie seine ZĂ€hne und sein Unterkiefer ausgesehen hĂ€tten", sagt Meave Leakey, eine der Leiterinnen des KFRP und Forscherin fĂŒr National Geographic. "Endlich haben wir einige Antworten gefunden."

"Zusammengenommen geben uns die drei neuen Fossilien Aufschluss darĂŒber, wie Fossil 1470 tatsĂ€chlich ausgesehen hat", sagt Fred Spoor, Leiter der wissenschaftlichen Analysen und Wissenschaftler in der Abteilung Humanevolution am Max-Planck-Institut fĂŒr evolutionĂ€re Anthropologie. "Jetzt ist klar, dass zwei weitere frĂŒhe Vertreter der Gattung Homo neben Homo erectus lebten. Die neuen Fossilien werden uns dabei helfen aufzudecken, wie unser Zweig der menschlichen Evolution vor fast zwei Millionen Jahren entstand und zu blĂŒhen begann."

Dreidimensionale Rekonstruktion des neuen Unterkiefers KNM-ER 60000
Dreidimensionale Rekonstruktion des neuen Unterkiefers KNM-ER 60000, basierend auf einer Computertomographie. © Foto: Fred Spoor

Die drei neuen Fossilien wurden in einem Radius von etwa 10 km von der Fundstelle des Fossils 1470 gefunden und werden auf ein Alter von 1,78 bis 1,95 Millionen Jahre datiert. Das Gesicht KNM-ER 62000, das im Jahre 2008 von Elgite Lokorimudang, einem Mitglied des Feldforschungsteams, entdeckt wurde, ist dem von Fossil 1470 sehr Ă€hnlich und zeigt, dass Letzteres nicht lediglich ein Individuum war, das hinsichtlich seiner morphologischen Eigenschaften "aus der Reihe tanzte". DarĂŒber hinaus enthĂ€lt der gut erhaltene Oberkiefer des GesichtsschĂ€dels noch fast alle BackenzĂ€hne. Dies ermöglicht den Forschern nun erstmals zu schlussfolgern, wie der Unterkiefer des Fossils 1470 beschaffen gewesen sein könnte. Eine besonders gute Entsprechung findet sich auch bei den anderen beiden neuen Fossilien, dem Unterkiefer KNM-ER 60000, der im Jahre 2009 von Cyprian Nyete gefunden wurde und dem Teil eines weiteren Unterkiefers, KNM-ER 62003, den Robert Moru im Jahre 2007 fand. KNM-ER 60000 ist der am vollstĂ€ndigsten erhaltene Unterkiefer eines frĂŒhen Vertreters der Gattung Homo, der jemals entdeckt wurde.

Dem Team, das die neuen Funde untersuchte, gehörten unter anderem an: Christopher Kiarie (TBI), der die Fossilien im Labor fĂŒr weitere Untersuchungen vorbereitete, Craig Feibel (Rutgers University), der das Alter der Fossilien bestimmte und Susan AntĂłn (New York University), Christopher Dean (UCL, University College London), Meave und Louise Leakey (TBI, Kenia; und Stony Brook University, New York) sowie Fred Spoor (Max-Planck-Institut fĂŒr evolutionĂ€re Anthropologie, Leipzig und UCL), die die Fossilien wissenschaftlich untersuchten. Die National Geographic Society finanzierte die Feldforschungsarbeiten, die Leakey Foundation finanzierte die geologischen Studien und die Max-Planck-Gesellschaft unterstĂŒtzte die Laborarbeiten.

Originalveröffentlichung:

Meave G. Leakey, Fred Spoor, M. Christopher Dean, Craig S. Feibel, Susan C. AntĂłn, Christopher Kiarie, & Louise N. Leakey
New fossils from Koobi Fora in northern Kenya confirm taxonomic diversity in early Homo
Nature, 09 August 2012

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Links:

Website von Professor Fred Spoor: http://www.eva.mpg.de/evolution/staff/spoor/index.htm

Informationen zu den Fossilien, TBI: http://www.turkanabasin.org/discovery/knmer60000/