Das vom Europäischen Forschungsrat (ERC) finanzierte Projekt MELT wird die Makroevolution der europäischen Literatur untersuchen. Dabei konzentriert es sich auf die übergreifenden Muster intertextueller Einflüsse in literarischen Werken, die zwischen 1800 und 2000 in den gängigsten europäischen Sprachen verfasst wurden. Das ehrgeizige Forschungsprojekt stützt sich auf die digitale Bibliothek HathiTrust, eine einzigartige Ressource mit mehr als zehn Millionen digitalisierten Büchern, und nutzt diesen Datenschatz in Kombination mit fortschrittlichen, computergestützten Textanalysemethoden sowie neuartigen mathematischen Modellen zur kulturellen Evolution.
Die Evolution der europäischen Literatur kartieren
Ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftler:innen, die sich auf computergestützte Geisteswissenschaften, Data Mining und mathematische Modellierung spezialisiert haben, wird unter der Leitung von Oleg Sobchuk, einem Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, riesige, dynamische Netzwerke aufbauen, die die Geschichte literarischer Werke nachzeichnen. Mithilfe dieser Netzwerke sollen thematische Einflüsse zwischen Autor:innen sowie die Entstehung, der Wandel und der Niedergang literarischer Gemeinschaften und Genres über Zeit und Raum hinweg erfasst werden. Sobchuk erklärt: „Das MELT-Projekt wird im Wesentlichen eine gigantische ‚Karte‘ der europäischen Literaturgeschichte mit geografischen und zeitlichen Dimensionen erstellen.“
Gleichzeitig wird das MELT-Team die Evolution von Büchern simulieren, indem es künstliche „Autoren:innen” erzeugt, die auf großen Sprachmodellen (LLM) basieren. Mithilfe dieser Simulationen können die Forschenden die Belastbarkeit ihrer Methoden zur Netzwerkkonstruktion testen und neue Einblicke in die Mechanismen gewinnen, die hinter literarischen Innovationen und Einflüssen stehen. „Diese Simulationen sind wie ein Labor für Kultur“, erklärt Sobchuk. „Sie ermöglichen es uns, zu erforschen, wie sich neue Ideen verbreiten, wie Genres entstehen und wieder verschwinden und was literarische Veränderungen über Jahrhunderte hinweg wirklich vorantreibt.“
Literaturgeschichte quantitativ erforschen
Mithilfe eines leistungsstarken Computerclusters wird MELT die Literaturgeschichte in einem noch nie dagewesenen Umfang erforschen und kann somit grundlegende Fragen zu Literatur, Gesellschaft und Politik beantworten. Denn Literatur spiegelt oft die Stimmungen und Bestrebungen ihrer Zeit wider. Welche Rolle spielt der demografische Wandel bei der Entwicklung literarischer Themen? Wie verändern einschneidende Ereignisse wie Kriege, Pandemien und Revolutionen die Literaturlandschaft? Was macht bestimmte Bücher zu Bestsellern und verleiht ihnen einen übergroßen Einfluss? Verlieren Genres allein durch Wiederholung an Attraktivität?
„Literatur nimmt in der Kultur einen zentralen Platz ein. Sie prägt unsere Identität und unsere Vorstellungen von der Zukunft. Doch unser Wissen über ihre innere Dynamik ist begrenzt“, sagt Sobchuk. „Dank meiner Fachkenntnisse in vergleichender Literaturwissenschaft, Large-Scale-Textmining und mathematischer Modellierung werde ich nun die Leitung eines Teams übernehmen, das diese Fragen beantworten kann.“
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Oleg Sobchuk studierte Literatur an der Kyiv-Mohyla-Akademie in der Ukraine. 2018 promovierte er im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Tartu. Einen Teil seiner Forschungen führte er dabei am Stanford Literary Lab durch. In seiner Dissertation entwickelte er einen neuen theoretischen Rahmen für die Erforschung der Kunstgeschichte, indem er die Kultur-Evolutionstheorie mit umfangreichen Datensätzen aus Literatur und Kunst kombinierte. Diese Arbeit setzte er als Postdoc am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig fort.
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Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat die Vergabe von 478 Starting Grants an junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa bekannt gegeben. Die Stipendien in Höhe von insgesamt 761 Mio. € unterstützen Spitzenforschung in einem breiten Spektrum von Disziplinen, von Medizin und Physik bis hin zu Sozial- und Geisteswissenschaften. Sie helfen Forschern, die am Anfang ihrer Karriere stehen, ihre eigenen Projekte zu starten, ihre Teams aufzubauen und ihre besten Ideen zu verfolgen.
Kontakt:
Dr. Oleg Sobchuk
Abteilung für Verhalten, Ökologie und Kultur des Menschen
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
oleg_sobchuk@[>>> Please remove the text! <<<]eva.mpg.de
Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
+49 341 3550-122
jacob@[>>> Please remove the text! <<<]eva.mpg.de

