Die mit 7.500 Euro dotierte Otto-Hahn-Medaille soll besonders talentierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ermutigen, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Leonardo Iasi und Rhianna Drummond-Clarke, beide ehemalige Doktoranden am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, gehören zu den Preisträgern des Jahres 2026. Sie erhalten die Medaille für ihre herausragenden Promotionsarbeiten, die unser Verständnis der menschlichen Evolution erweitert haben – vom genetischen Erbe der Neandertaler in heute lebenden Menschen bis hin zu den evolutionären Ursprüngen des aufrechten Gangs.
Leonardo Iasi und Rhianna Drummond-Clarke erhalten die Otto-Hahn-Medaille



Neandertaler-Abstammung in modernen menschlichen Genomen nachvollziehen
Leonardo Iasi erhält die Otto-Hahn-Medaille für seine Arbeiten zur Häufigkeit, Dauer und zu den biologischen Folgen des Genflusses zwischen Neandertalern und modernen Menschen. Während seiner Promotion entwickelte er neue Modelle, um die Datierung von Vermischungsereignissen zu verbessern. Dadurch konnte er genauer bestimmen, wann und auf welche Weise Neandertaler-DNA in die Genome moderner Menschen gelangte. Seine Forschung zeigt, dass der Genfluss von Neandertalern in die Vorfahren der heute außerhalb Afrikas lebenden Menschen über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren vor etwa 47.000 Jahren stattfand. Damit präzisiert seine Arbeit frühere Schätzungen zum Zeitpunkt dieser Vermischung erheblich. Zudem identifizierte Iasi Muster rascher natürlicher Selektion, die kurz nach dem Genfluss auf Neandertaler-DNA in modernen Menschen wirkten.
„Die Otto-Hahn-Medaille zu erhalten, ist eine große Ehre, und ich bin sehr dankbar für diese Anerkennung“, sagt Iasi. „Mich fasziniert, dass heutige Genome noch immer Spuren von Begegnungen zwischen modernen Menschen und Neandertalern aufweisen, obwohl diese Ereignisse Zehntausende von Jahren zurückliegen. Diese Spuren sind lückenhaft und wurden von zahlreichen evolutionären Prozessen beeinflusst. Mithilfe geeigneter Modelle können sie jedoch überraschend detaillierte Informationen darüber liefern, wann Genfluss stattfand und wie natürliche Selektion anschließend wirkte. Eines der spannendsten Ergebnisse war für mich die Entdeckung, dass die Vermischung mit Neandertalern kein einzelnes, isoliertes Ereignis war, sondern ein Prozess, der sich über mehrere tausend Jahre erstreckte.“
Iasi promovierte im Fach Biologie an der Universität Leipzig sowie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Betreut wurde seine Dissertation von Svante Pääbo und Benjamin M. Peter. Seit Januar 2025 setzt er seine Forschung als Postdoc in der Abteilung für Evolutionäre Genetik am selben Institut fort.
Den evolutionären Wurzeln des aufrechten Gangs auf der Spur
Rhianna Drummond-Clarke erhält die Otto-Hahn-Medaille für ihre Forschungsarbeit zur Fortbewegung und Ökologie von Schimpansen, in der sie Hypothesen zur Evolution des aufrechten Gangs beim Menschen untersuchte. Ihre Dissertation ist die erste umfassende Studie zur Fortbewegung und Körperhaltung wildlebender Schimpansen in offenen, trockenen Savannenhabitaten – ähnlich den Lebensräumen unserer frühesten Vorfahren (Homininen). Während ihrer 20-monatigen Feldforschung im Issa-Tal in Tansania beobachtete und dokumentierte sie mehr als 14.000 Verhaltensweisen von Schimpansen und verglich ihr Verhalten in geschlossenen Wäldern mit dem in offenen Waldlandschaften. Entgegen bisherigen Annahmen zeigte ihre Arbeit, dass Schimpansen in offenen Waldlandschaften häufiger an Baumbewohner erinnerndes Verhalten zeigen als in Wäldern und dass Zweibeinigkeit am häufigsten beim Klettern in Bäumen auftritt. Diese Ergebnisse stützen die Theorie, dass sich der aufrechte Gang der Homininen zuerst in Bäumen entwickelt hat. Sie zeigen zudem erstmals, wie diese Art der Fortbewegung eine Anpassung an das Leben in offenen Waldgebieten darstellen könnte.
„Es ist mir eine große Ehre, für diese Forschung die Otto-Hahn-Medaille zu erhalten“, sagt Drummond-Clarke. „Die Feldarbeit in Issa hat mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, evolutionäre Hypothesen in ökologisch relevanten Umgebungen zu überprüfen. Die Schimpansen verhielten sich nicht genau so, wie es traditionelle Modelle erwarten ließen: In den offeneren Bereichen der Landschaft hielten sie sich beispielsweise häufig in den Bäumen auf und genau dort beobachteten wir auch am häufigsten zweibeiniges Verhalten. Ich finde diese Ergebnisse spannend, weil sie zeigen, dass sich die Evolution des menschlichen aufrechten Gangs nicht allein durch einfache, habitatbasierte Modelle erklären lässt. Vielmehr müssen wir genauer untersuchen, wie Primaten mit ihrer komplexen Umwelt interagieren.“
Drummond-Clarke promovierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Ihre Dissertation wurde von Tracy Kivell, Manuela Schmidt und Martin Fischer betreut. Seit Juni 2025 ist sie Postdoc in der Abteilung für Menschliche Ursprünge am selben Institut.
Forschung zur evolutionären Anthropologie voranbringen
Mit ihren Arbeiten haben beide Preisträger:innen zu zentralen Fragen der menschlichen Evolutionsforschung beigetragen – etwa dazu, wie Begegnungen mit archaischen Menschen die Genome heutiger Menschen geprägt haben und wie das Verhalten unserer nächsten lebenden Verwandten Aufschluss über die Ursprünge zentraler menschlicher Merkmale geben kann.
„Leonardo Iasi und Rhianna Drummond-Clarke haben mit ihren Arbeiten zu Schlüsselfragen der evolutionären Anthropologie herausragende Beiträge geleistet“, sagt Johannes Krause, Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Sie zeigen, wie innovative Methoden, langfristige Feldforschung und interdisziplinäre Perspektiven das Verständnis unseres Ursprungs grundlegend erweitern können. Wir gratulieren ihnen sehr herzlich zu dieser hochverdienten Auszeichnung.“
Iasi und Drummond-Clarke wurden im Rahmen der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft am 17. Juni 2026 in Frankfurt am Main mit der Otto-Hahn-Medaille ausgezeichnet.
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Seit 1978 ehrt die Max-Planck-Gesellschaft jährlich bis zu 30 junge Forschende mit der Otto-Hahn-Medaille für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen. Die Medaille ist benannt nach Otto Hahn (1879–1968), einem deutschen Chemiker und Nobelpreisträger, der von 1948 bis 1960 Präsident der Gesellschaft war.
Kontakt:
Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
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