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Eye-Tracking

Im WKPRC nutzen wir Eye-Tracking, um die Augenbewegungen der Affen zu untersuchen, während sie sich ausgewählte Bilder und Videos auf einem Monitor ansehen. Damit die Aufmerksamkeit der Tiere auf den Bildschirm fokussiert bleibt, trinken sie während der Studie Saft. Unter dem Bildschirm befindet sich ein sogenannter Eye-Tracker, der die Augenbewegungen der Affen verfolgt. Dieser sendet nicht-sichtbares Infrarotlicht aus, das von der Netzhaut der Affen reflektiert wird, und ermittelt auf diese Weise, in welchem Abstand und Winkel sich die Pupillen relativ zum Bildschirm befinden. So kann zu jedem Zeitpunkt genau bestimmt werden, wohin der Affe gerade schaut.

Anhand der Blickdauer und Blickmuster lassen sich Rückschlüsse daraus ziehen, welchen Bereichen eines Bildes der Affe besondere Aufmerksamkeit schenkt. Studien haben gezeigt, dass es sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in der Art und Weise gibt, wie Menschenaffen und Menschen Bilder betrachten. Wenn Menschenaffen beispielsweise Fotos von Artgenossen oder anderen Menschenaffenarten sehen, richten sie – genau wie Menschen – ihre Aufmerksamkeit zuerst auf das Gesicht und hier vor allem auf die Augen des dargestellten Individuums (Kano, Call, & Tomonaga, 2012; Kano & Tomonaga, 2009, 2010). Allerdings wandern die Blicke von Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans bald zu Mund und anderen Körperteilen, wohingegen Bonobos und Menschen in der Regel mehr Zeit damit verbringen, Augenkontakt mit dem abgebildeten Individuum herzustellen (Kano, Call, & Tomonaga, 2012; Kano, Hirata, & Call, 2015; Kano & Tomonaga, 2010). Die Unterschiede in der sozialen Aufmerksamkeit zwischen den sehr eng verwandten Schimpansen und Bonobos sind besonders interessant und geben Anlass zur Spekulation, dass solche Unterschiede möglicherweise damit zusammenhängen, dass die beiden Arten sehr unterschiedliche Sozialsysteme entwickelt haben. Eye Tracking ermöglicht es somit, tiefe Einblicke in Wahrnehmung und Aufmerksamkeit der Tiere zu bekommen und somit den Verhaltensweisen verschiedener Arten tiefer auf den Grund gehen zu können.

Mit Hilfe des Eye-Tracking konnten Wissenschaftler:innen außerdem herausfinden, dass Menschenaffen, genau wie Menschen, nicht nur Handlungen in Videos mit Blicken verfolgen, sondern dass ihre Blicke der Handlung sogar einen Schritt voraus sein können: Schimpansen, Orang-Utans und Bonobos am Leipziger Zoo wurde ein Video gezeigt, in dem eine Hand nach einem von zwei Objekten griff. Als sie ein ähnliches Video anschließend noch einmal sahen, schauten sie bereits auf das zuvor ergriffene Objekt, noch bevor sich die Hand dorthin bewegte (Kano & Call, 2014). Die Affen sahen also voraus, was als nächstes in der Szene passieren würde. Dieses vorrausschauende Blickverhalten kann genutzt werden, um Fragen zu verschiedensten kognitiven Fähigkeiten der Affen zu beantworten, zum Beispiel bezüglich des Langzeitgedächtnisses (wie lange können Schimpansen und ihre Artgenossen sich an die letzte Szene eines Films erinnern?) oder bezüglich der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen (können Affen vorhersehen, was ein Protagonist wahrscheinlich als nächstes tun wird?). 

Wie die zuvor genannten Beispiele zeigen, ist Eye-Tracking eine sehr vielseitige Technik, die es uns erlaubt, nicht nur besser zu verstehen, worauf Affen ihre Aufmerksamkeit lenken und wie sie die Welt wahrnehmen, sondern auch, welche Erwartungen sie an bestimmte Handlungen haben. Dies wiederum verrät uns sehr viel darüber, welche kognitiven Fähigkeiten Affen haben und wie sich diese von denen der Menschen unterscheiden.