Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

Thermografie

Warum sind wir in der vergleichenden Psychologie an Temperaturmessungen interessiert?

Forschungsergebnisse zeigen, dass die Hauttemperatur des Menschen – selbst bei konstanten Witterungsbedingungen – ständig schwankt. Diese Schwankungen hängen, zumindest zum Teil, mit wechselnder Aktivität des vegetativen Nervensystems zusammen. Das vegetative Nervensystem beeinflusst ohne unser Zutun und meist unbewusst sehr viele Bereiche unseres Körpers, so auch die Hauttemperatur, und das in Abhängigkeit davon, welche Emotionen wir gerade durchleben. Wenn wir beispielsweise Stress oder Angst empfinden, versetzt das vegetative Nervensystem unseren Körper in Aufregung und bereitet ihn auf Aktivität vor. Wenn wir Entspannung und Erholung empfinden, versetzt das vegetative Nervensystem unseren Körper wieder in den Ruhezustand. Thermografie ist ein Weg, um solche Veränderungen in der Aktivität des vegetativen Nervensystems, und damit Veränderungen des emotionalen Zustands, zu messen. In bisherigen Studien haben sich Wissenschaftler in erster Linie auf jenen Bereich des Körpers konzentriert, der am einfachsten zugänglich und selten bedeckt ist: Das Gesicht. Als Reaktion auf emotionale Erregung verändert sich hier vor allem die Temperatur der Nasenregion. Wenn wir Stress, Angst oder Schuldgefühle empfinden, fällt die Nasentemperatur ab. Derselbe Effekt wurde beobachtet, wenn wir jemanden, der uns nahesteht, in einer unangenehmen Situation beobachten, oder wenn wir eine herausfordernde mentale Aufgabe absolvieren. Aber auch positive Emotionen wie Vergnügen (während wir herzhaft lachen) führen zu einer Absenkung der Nasentemperatur.

In den letzten Jahren wurden erste Thermografie-Studien mit nicht-menschlichen Primaten durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass auch bei Affen die Nasentemperatur von Emotionen beeinflusst. Schimpansen im Leipziger Zoo wurden beispielsweise Aufnahmen von kämpfenden Artgenossen vorgespielt, woraufhin die Nasentemperatur der Affen um mehrere Grad Celsius abfiel (Kano et al., 2016). Ähnliches hat man auch bei Schimpansen in der freien Wildbahn herausgefunden (Dezecache et al., 2017). Das zeigt, dass es für Schimpansen generell sehr aufregend ist, Kämpfe von Artgenossen mitanzusehen. In einer anderen Studie wurden Schimpansen Zeuge davon, wie sich ein ihnen bekannter Mensch (scheinbar) aus Versehen verletzte (Sato et al., 2019). Einige der Affen reagierten auch hier mit einer Absenkung der Nasentemperatur, was darauf schließen lässt, dass die Tiere möglicherweise eine Art von Empathie mit dem Menschen empfunden haben oder das Beobachten der Verletzung zumindest eine gewisse Erregung erzeugte. Es gibt auch erste Hinweise darauf, dass starke positive Emotionen, wie zum Beispiel beim ausgelassenen Spielen, zu einer Absenkung der Nasentemperatur bei Affen führen (Chotard et al., 2018; Heintz et al., 2019).

Thermografie ermöglicht es uns also, auf kontaktfreie und nicht-invasive Weise Einblicke in die Gefühlswelt unserer nächsten lebenden Verwandten zu bekommen. Da die Technik flexibel einsetzbar und mobil ist, können wir Nasentemperaturmessungen in verschiedensten Situationen vornehmen: Als Reaktion auf Videostimuli in einem kontrollierten Studienaufbau genauso wie während natürlicher Interaktionen der Affen in der Gruppe. 

Unser Ziel ist es, die Thermografie in der Forschung mit Menschenaffen weiter zu etablieren und dadurch ein größeres Wissen über die Emotionen von Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans zu erlangen. Die neu gewonnenen Kenntnisse ermöglichen es uns somit hoffentlich, mehr über die evolutionären Ursprünge unserer eigenen Gefühlswelt in Erfahrung zu bringen.