Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

Ein Rahmen für eine vergleichende Wissenschaft des Geistes

Wir erforschen Kognition in einem systematischen Vergleich über Arten und Kulturen hinweg um zu verstehen, wie der menschliche Geist aus gemeinsamen biologischen Grundlagen hervorgeht und sich an unterschiedliche soziale und ökologische Umwelten anpasst.

Eine vergleichende, entwicklungsbezogene und kulturwissenschaftliche Erforschung des Geistes

„Es sind zwei Wissenschaften, welche der allgemeinen Psychologie zu Hilfe kommen müssen: die Entwicklungsgeschichte der Seele und die vergleichende Psychologie. Jene hat die allmähliche Entwicklung des Seelenlebens im Menschen, diese die Verschiedenheiten desselben im Tierreich und bei den Völkern der Erde darzustellen.“ — Wilhelm Wundt (1862), Beiträge zur Theorie der Sinneswahrnehmung

Mehr als ein Jahrhundert, nachdem Wilhelm Wundt dieses Forschungsprogramm formuliert hat, hat die Psychologie tiefgreifende Einsichten in den menschlichen Geist hervorgebracht. Seine Vision eines umfassenden Rahmens für die experimentelle Psychologie ist jedoch bis heute nur teilweise verwirklicht worden. Viele zentrale Theorien beruhen weiterhin auf einer engen empirischen und konzeptuellen Grundlage. Menschliche Kognition zeigt eine außerordentliche Variabilität über die Entwicklung hinweg, zwischen Populationen und in unterschiedlichen ökologischen Kontexten, doch diese Variabilität wurde nur selten als erkenntnistheoretisch zentral behandelt. In der Folge hat die Psychologie lokale Regelmäßigkeiten häufig mit allgemeinen Prinzipien verwechselt. Indem das Fach sich überproportional auf homogene Stichproben und entkontextualisierte Aufgaben stützte, hat es die adaptive Flexibilität des menschlichen Geistes unterschätzt und damit eine seiner zentralen Funktionen aus dem Blick verloren. Zugleich wurde Kognition häufig losgelöst von ihren biologischen Grundlagen untersucht, was Annahmen menschlicher Exzeptionalität verstärkt und Kontinuitäten mit anderen Arten verdeckt hat. Diese Begrenzungen lassen sich nicht durch inkrementelle Korrekturen beheben, sondern erfordern einen kohärenten Forschungsrahmen, der grundlegend neu bestimmt, wie Wissen über kognitive Systeme gewonnen wird.

Kognition

Die Abteilung für Vergleichende Kulturpsychologie versteht Kognition als Eigenschaft von Akteuren, die in soziale und ökologische Kontexte eingebettet sind. Wir definieren Kognition als jene informationsverarbeitenden Prozesse, die strukturieren, wie Organismen unter Unsicherheit und bei begrenzter Information sowie begrenzten Ressourcen robustes, zielgerichtetes Verhalten hervorbringen. Eine zentrale Funktion von Kognition ist erfahrungsbasierte Anpassung: Kognitive Systeme verändern sich in Abhängigkeit von ihren Interaktionen mit der Umwelt – über die Entwicklung hinweg und im Verlauf der Evolution. Kognition ist damit das Mittel, durch das Organismen mit ihrer Umwelt in Beziehung treten, sich mit anderen koordinieren und sich flexibel an veränderte soziale und ökologische Bedingungen anpassen.

Eine doppelte Neuorientierung: Biologie und Kultur

Die Abteilung für Vergleichende Kulturpsychologie geht von einer einfachen Grundannahme aus: Den menschlichen Geist zu verstehen, erfordert, Kognition zugleich in ihren biologischen und kulturellen Kontext einzubetten. Kognitive Vielfalt ist keine Komplikation für psychologische Theorien – sie gehört vielmehr zu deren zentralen Erklärungsgegenständen: Menschliche Kognition ist in einzigartiger Weise an kulturelle Vielfalt angepasst und trägt zugleich aktiv zu ihrer Hervorbringung bei. Eine angemessene Theorie des Geistes muss daher erklären, wie sich Kognition innerhalb biologischer Bedingungen entwickelt, wie sie zwischen Populationen variiert und welche universellen Grundlagen diesen Anpassungsprozess ermöglichen. Dies setzt voraus, biologische Kontinuität und kulturelle Diversität als komplementäre Quellen theoretischer Erkenntnis zu behandeln und die methodischen Voraussetzungen zu schaffen, beide mit derselben Strenge zu untersuchen.

Kultur und Kognition

Wir untersuchen Kultur als ein System sozial überlieferter Praktiken, Normen und Wissensbestände, das aus Kognition hervorgeht und sie zugleich neu organisiert. Kultur ist kein äußerer Einfluss auf den Geist. Sie entsteht aus Geistern und ist zugleich eine der primären Umwelten, in denen sich menschliche Kognition entwickelt, anpasst und ausdifferenziert.

Kulturelle Systeme strukturieren, worauf Individuen in der Welt achten, wie sie von anderen lernen, soziales Leben koordinieren und unter Unsicherheit handeln. Sie prägen, welche Probleme als relevant erscheinen, welche Strategien zur Verfügung stehen und welche Verhaltensweisen belohnt oder sanktioniert werden. Menschliche Kulturen bewahren und verändern Lösungen für wiederkehrende ökologische und soziale Herausforderungen durch soziales Lernen, Imitation, Lehren und Normdurchsetzung. Kultur ist daher nicht nur Ausdruck oder Symbolik. Sie ist ein adaptives System, das die informationsbezogenen und entwicklungsrelevanten Welten strukturiert, in denen sich Kognition entfaltet.

Kulturelle Vielfalt ist kein Hindernis für psychologische Theoriebildung. Sie ist eine zentrale Erkenntnisquelle. Große Teile der Psychologie beruhen auf Stichproben aus industrialisierten, schulisch geprägten Gesellschaften und behandeln die daraus gewonnenen Muster von Kognition implizit als universell. Indem die Abteilung Kognition in kulturell vielfältigen Populationen untersucht – darunter indigene und unterrepräsentierte Gemeinschaften –, versteht sie kulturelle Variation als epistemisch aufschlussreich. Unterschiede zwischen menschlichen Populationen fungieren als natürliche Experimente, die sichtbar machen, wie gemeinsame kognitive Mechanismen unter unterschiedlichen sozialen und ökologischen Bedingungen ausgeprägt, kombiniert und neu organisiert werden. Zugleich liefern jene Fähigkeiten, die über kulturelle Kontexte hinweg stabil bleiben, Hinweise auf universelle Grundlagen des menschlichen Geistes.

Tierkultur

Kultur ist nicht ausschließlich menschlich. Vergleichende Forschung mit Menschenaffen zeigt sozial erlernte Traditionen und stabile Verhaltensunterschiede auf Populationsebene. Diese Kontinuitäten sind entscheidend, um menschliche Kultur in eine evolutionäre Perspektive einzuordnen und zugleich zu klären, welche Mechanismenkombinationen die kumulative Kulturdynamik unserer Spezies ermöglichen.

Schimpansen können komplexe Verhaltensweisen durch soziales Lernen erwerben, die sie individuell nicht selbst hervorbringen. Dies zeigt, dass sozial überliefertes Wissen Verhaltensrepertoires über individuelle Innovation hinaus erweitern kann. Damit werden Auffassungen infrage gestellt, die tierische Traditionen auf wiederholte individuelle Wiederentdeckung reduzieren, und es wird deutlich, dass auch Tierkulturen auf sozial aufrechterhaltener Information beruhen können und nicht allein auf latent verfügbaren individuellen Lösungen.

Gleichzeitig bleibt der Kontrast zwischen menschlicher und nichtmenschlicher Kultur theoretisch entscheidend. Menschliche kumulative Kultur beruht auf einer besonderen Konfiguration von Mechanismen, darunter hochpräzises soziales Lernen, Normsensitivität, explizites Lehren und Repräsentationsformen, die es erlauben, gemeinsame Praktiken zu reflektieren, zu stabilisieren und gezielt zu verändern. Die Erforschung von Tierkultur erfüllt daher einen doppelten Zweck: Sie macht Kontinuitäten in den Grundlagen von Kultur sichtbar und klärt zugleich die Bedingungen, unter denen kumulative kulturelle Systeme entstehen.

Entwicklung als zeitliche Schnittstelle des Geistes

Wir verstehen Entwicklung als den Prozess, durch den kognitive Systeme über die Lebensspanne hinweg entstehen, sich reorganisieren und stabilisieren. Entwicklung ist die zeitliche Schnittstelle zwischen Biologie, Erfahrung und Kultur. Kognitive Systeme treten nicht fertig hervor. Sie werden im Verlauf der Zeit durch strukturierte Interaktion mit sozialen Partnern, materiellen Umwelten und kulturell organisierten Praktiken aufgebaut. Entwicklung verbindet Evolutionsgeschichte mit individueller Erfahrung.

Entwicklung besitzt einen besonderen Erklärungswert, weil sie kausale Beziehungen zwischen Mechanismen sichtbar macht. Indem wir nachzeichnen, wann Fähigkeiten entstehen, wie sie miteinander interagieren und an welchen Punkten Entwicklungsverläufe auseinandergehen, können wir untersuchen, wie kognitive Systeme aufgebaut werden, anstatt lediglich ihre ausgereifte Form zu beschreiben. Verzögerungen, Fehler, Übergänge und individuelle Unterschiede sind keine Unvollkommenheiten, die erklärt werden müssen, um sie beiseitezuschieben; sie sind vielmehr Evidenzquellen für Struktur und Grenzen von Kognition.

Entwicklung, menschliche Einzigartigkeit und vergleichende Perspektive

Spezifisch menschliche Kognition entsteht nicht allein aus isolierten Fähigkeiten im Endzustand. Sie geht aus entwicklungsbedingten Reorganisationen hervor, die explizite, flexible und kulturell gestützte Formen des Denkens, der Kommunikation und der sozialen Koordination ermöglichen. Indem die Abteilung menschliche Einzigartigkeit in entwicklungsbezogenen Reorganisationen verortet statt in isolierten ausgereiften Fähigkeiten, entwickelt sie eine biologisch fundierte und evolutionär plausible Erklärung dafür, was den menschlichen Geist auszeichnet.

Entwicklung zu verstehen, erfordert zugleich eine vergleichende Perspektive. Viele grundlegende kognitive Mechanismen werden von verschiedenen Arten geteilt, und viele Entwicklungsprozesse sind nicht ausschließlich menschlich. Die Abteilung untersucht daher Entwicklung bei Menschen und nichtmenschlichen Menschenaffen, um zu bestimmen, welche Entwicklungsverläufe erhalten geblieben sind und wo sich Trajektorien unterscheiden. Längs- und Querschnittsstudien zur Kognition von Menschenaffen zeigen sowohl Kontinuitäten – etwa frühe soziale Sensitivitäten – als auch deutliche Diskontinuitäten, insbesondere beim Entstehen abstrakter und metarepräsentationaler Kognition. Die vergleichende Untersuchung von Entwicklung erlaubt es, artsübergreifende Bedingungen von genuin menschlichen Reorganisationen zu unterscheiden und Aussagen über menschliche Einzigartigkeit auf vergleichende Evidenz zu stützen.

Kognition in Perspektive, in der Breite, über Entwicklung hinweg und gemeinsam erforschen

Die Abteilung untersucht Kognition auf drei einander wechselseitig verstärkende Weisen. Sie untersucht Kognition in Perspektive durch den systematischen Vergleich mit anderen Arten. Sie untersucht Kognition in der Breite über kulturell und ökologisch vielfältige menschliche Populationen hinweg. Und sie untersucht Kognition über die Entwicklung hinweg, indem sie verfolgt, wie Mechanismen im Zeitverlauf entstehen, interagieren und sich reorganisieren.

Diese Arbeit beruht auf Infrastrukturen, die groß angelegte, entwicklungsbezogene und vergleichende Forschung ermöglichen, darunter das Wolfgang-Köhler-Forschungszentrum für Primaten, langfristige Kooperationen mit Schutzstationen, zoobasierte Netzwerke und offene vergleichende Datenbanken.

Kognition in der Breite zu untersuchen, indem Forschung in unterschiedlichen menschlichen Gesellschaften betrieben wird – einschließlich indigener und unterrepräsentierter Gemeinschaften –, erfordert langfristige Kooperationen mit kulturellen Gemeinschaften und lokalen Institutionen, ein Engagement für lokalen Kapazitätsaufbau sowie kollaborative Netzwerke wie den Psychological Science Accelerator oder die ManyBabies-Konsortien.

Eine vergleichende und entwicklungsbezogene Wissenschaft des Geistes erfordert zudem Veränderungen in der Art und Weise, wie Forschung betrieben wird. Die Abteilung beteiligt sich an kollaborativen Initiativen wie dem Psychological Science Accelerator, ManyBabies und ManyPrimates und erweitert diese Ansätze, indem sie Daten aus nichtindustrialisierten menschlichen Gemeinschaften und aus mehreren Menschenaffenpopulationen einbezieht. Durch diese Kooperationen sowie durch Infrastrukturen wie GrApeNet, EVApe Cognition, ChildLens und PhysioTip arbeitet die Abteilung an einer Wissenschaft des Geistes, die kumulativ, transparent, reproduzierbar und skalierbar ist.

Sich wandelnde Evidenzstandards

Über die Gewinnung neuer Daten hinaus trägt die Abteilung dazu bei, die Standards zu verbessern, nach denen psychologisches Wissen erzeugt und bewertet wird. In einer Reihe metawissenschaftlicher Initiativen haben wir anhaltende Verzerrungen in der Entwicklungspsychologie dokumentiert, darunter die Überrepräsentation von Kindern aus einem engen Spektrum kultureller Kontexte, die unzureichende Kontextualisierung von Stichproben und die ungleiche Anerkennung von Forschung, die in unterrepräsentierten Gemeinschaften durchgeführt wurde. Ergänzende Analysen zeigen, dass Gutachterinnen und Gutachter sowie Herausgeberinnen und Herausgeber weiterhin unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe anlegen, je nachdem, woher Daten stammen.

Diese Befunde münden in konkrete Empfehlungen. Neben empirischen Analysen hat die Abteilung zur Entwicklung ethischer Standards für kulturvergleichende Forschung in der Psychologie sowie zu breiteren Debatten über Open Science und gute wissenschaftliche Praxis beigetragen. Eine glaubwürdige Wissenschaft des Geistes muss nicht nur erweitern, was sie untersucht, sondern auch neu bestimmen, wie Evidenz bewertet wird, wessen Daten zählen und welche Formen von Variation als theoretisch aufschlussreich gelten.

Ausbildung für eine vergleichende Wissenschaft des Geistes

Die Tragfähigkeit dieses Forschungsrahmens hängt auch davon ab, wie Psychologinnen und Psychologen ausgebildet werden. Die Lehrinitiativen der Abteilung reagieren sowohl auf die Replizierbarkeitskrise als auch auf die Generalisierbarkeitskrise in der Psychologie, indem sie vergleichende und kulturübergreifende Zusammenarbeit direkt in die wissenschaftliche Ausbildung integrieren.

In Zusammenarbeit mit der University of Namibia arbeiten Studierende in Forschungstandems daran, kulturvergleichende Replikationsstudien in der Entwicklungspsychologie zu entwerfen und durchzuführen. Die Projekte werden gemeinsam entwickelt, an den jeweiligen Standorten unabhängig umgesetzt und unter Beteiligung der Studierenden veröffentlicht. Ergänzende feldbasierte Lehrprojekte, darunter langjährige Kooperationen mit dem Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust, verbinden Verhaltensforschung, Lehre, Naturschutz und die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften und zeigen, wie sich Forschung und Ausbildung wechselseitig stärken und zugleich nachhaltige Partnerschaften aufbauen lassen.

Zusammengenommen definieren diese Verpflichtungen den Forschungsrahmen der Abteilung. Wir arbeiten an einer Wissenschaft des Geistes, die theoretisch fundiert, empirisch inklusiv und methodisch robust ist. Dieser Rahmen bildet die Grundlage für die Forschungsbereiche und Projekte der Abteilung sowie für ihren Beitrag zum Verständnis der Ursprünge und der Vielfalt des menschlichen Geistes.